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Die Meerjungfrau

Für Monika - in Liebe und Dankbarkeit

Das Meer ist weit. Es ist blau-grau und eigentlich farblos. Eine Meerjungfrau mit langem grünen Haar und silbernen Augen durchschwimmt das tiefe Blau. Ihr Körper schimmert sanft und geht ab der Hüfte in einen goldfischfarbenen Fischschwanz über.

Die Meerjungfrau schwimmt allein durch das Meer. Um sie herum ist nichts, nur unermessliche Weite. Sie wurde einsam geboren an einem klaren Wintermorgen, als sie aus einem Fischei schlüpfte. Als Kind spielte sie in den farbenfrohen Korallengärten mit den Seepferdchen Fangen und lauschte den geheimnisvollen Geschichten des Mondfischs. Das Meer ist ihr Vater und Mutter, beschützt und ernährt sie, trägt sie und umgibt sie mit Fülle und Unermesslichkeit. Überall ist das Meer, nichts kann sich seiner entziehen, nichts kann ihm entkommen. Es bringt die Lieder der Wale zu ihr, die von anderen Welten singen, von der oftmals stürmischen Grenzen zwischen Wasser und Luft und von riesigen Wellen. Von merkwürdigen Geschöpfen, die sich mit Beinen auf hartem Land fortbewegen müssen und anderen Geschöpfen, die fliegen können und die als einzige in der Lage sind, sich vom Boden zu lösen. Stundenlang hält sie inne und lauscht ungläubig den Walen.

In einer steinernen Stadt an der Grenze sitzt ein schwarzhaariger Junge auf einem schmutzigen Dach. Seine Seele ist schwer und alt. Die Augen sind müde und rot gerändert und blicken auf eine hohe Mauer aus Stahl und Beton. Der Junge starrt reglos auf die Mauer. Sie ist undurchdringlich und überragt alles. Dann hebt er plötzlich den Kopf, sieht in die grundlose Unendlichkeit, die stets über ihm ist, betrachtet den Mond und die Sterne. Sie sind fern, unerreichbar weit weg. Trostlosigkeit füllt sein Herz mit bitterer, klebriger Masse und erstickt und vergiftet es. Er fasst in die Brusttasche seines abgetragenen Mantels und holt einen schwarzen Stein hervor, einen scharfkantigen Klumpen erstarrter Lava. Er führt diesen merkwürdigen Gegenstand zu seinen Lippen und haucht ihn an. Dann wirft er ihn gegen die Mauer. Der Klumpen zerspringt klirrend in tausend Splitter und jeder einzelne Splitter verwandelt sich in einen Nachtfalter. Der Schwarm erhebt sich und verdunkelt den Himmel über der Stadt. Als die Falter über die Mauern hinwegflattern, ist der Himmel dunkel und leer. Das Sternenlicht haben sie mit sich fort getragen.

Der Junge ist ein Königssohn. Er geht durch die Straßen wie ein gewöhnlicher Bettler, aber er hinterlässt auf allem mit dem er in Berührung kommt, einen leichten goldenen Schimmer. Dieser Glanz verzaubert, macht die Menschen verrückt. Niemand kann es sich erklären oder verstehen, weil kaum jemand den Glanz richtig sieht. Es scheint, als würde aus einer alten räudigen Katze ein goldener Löwe werden. Oder aus einer weggeworfenen Blechdose wird ein wertvoller Pokal. Am merkwürdigsten wirkt der Zauber bei den Menschen selbst. Sie fühlen sich plötzlich sehr besonders, wie von innen vergoldet, geadelt und emporgehoben.

Der Junge weiß nichts von seiner königlichen Herkunft und das Verhalten seiner Mitmenschen, die um ihn herumscharwenzeln, mutet ihn manchmal sehr seltsam an. Dann sehnt er sich nach Einsamkeit und steigt auf die Dächer der Stadt. Von hier sieht man den Himmel am besten, aber auch die Mauer ist von hier am besten zu sehen. Unten in den Gassen ist sie Bestandteil der Stadt geworden. Die Menschen malen ihre Parolen und Bilder darauf. Sie kleben Plakate oder hängen an Markttagen ihre Waren an Nägeln auf, die sie in den harten Beton schlagen. Niemand stört sich unten an der Mauer. Nicht wenige denken im Stillen sogar, dass es mit der Mauer besser geworden ist, dass es gut ist, eine Grenze zu haben, die einem den Platz weist, die Schutz und Halt gibt.

Wenn die Bitterkeit in seinem Herzen ihn zu sehr quält, sucht er die Magier auf, die im Verborgenen, in den Schatten und Winkeln ihr Unwesen treiben. Sie verkaufen ihm zu überhöhten Preisen Medizin, die sie selbst aus zweifelhaften Ingredienzien hergestellt haben, beschafft durch Diebstahl, Betrug und Mord. Sie machen die Bitterkeit zumindest erträglich, wenn sie sie auch nicht vertreiben können. Die Erleichterung, die ihm die Arzneien bringen, ist meist nur von kurzer Dauer, denn sie vergiften langsam seine Seele und eine bodenlose Finsternis breitet sich in dem Jungen aus.

Die Schmetterlinge fliegen weit und verirren sich im grenzenlosen Himmel. Als die Nacht endet und die Sonne flammend emporsteigt, verbrennt sie ihnen die Flügel. Sie stürzen zu Boden, wo sie hilflos liegen bleiben, zertreten werden, vertrocknen oder in Erdspalten verloren gehen. Einige von ihnen fallen ins Wasser und ins Meer. Dort werden sie von den Fischen gefressen oder sie sinken auf den Grund und zerfallen zu Staub. Übrig bleibt das geraubte Licht der Sterne, das nun verloren in der ewigen Nacht der Tiefsee leuchtet.

Eines dieser Lichter wird von der Meerjungfrau gefunden. Es leuchtet auf der Spitze ihres Zeigefingers, während die Meerjungfrau es von allen Seiten betrachtet. „Was ist das nur?“ denkt sie, „Wo kommt es her?“