ooohrmuscheltexte

Zwischenhochzeit

„Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht.“
„Was?“
Josie und Alexandra sitzen in Josies kleiner Küche und trinken Kaffee aus zuckerfarbenen Tassen. Sie schauen hinaus auf die gegenüberliegende, fleckige Hausmauer mit den gesichtslosen Fenstern. Josies Blick ist verträumt und an ihrem schmalen Finger glitzert der Ring. Er besteht aus Weißgold und fasst einen himmelblauen Zirkonia in Form einer Blume. Dass er ihr etwas zu groß ist, macht nichts.
„Wir waren letzte Woche in Venedig und haben in einem alten Palazzo gewohnt. Und bei einer Gondelfahrt ist es dann passiert. Zuerst hatte ich Angst, weil die Gondel so gewackelt hat, als Tom vor mir auf die Knie ging. Auch der Gondoliere war nicht begeistert, aber als er mitbekommen hat, was Tom vorhat, hat er mitgespielt und uns sogar ein Lied gesungen – irgendetwas mit Amore. Es hat ein bisschen falsch geklungen und geregnet hat es auch, aber es war das schönste, was ich je erlebt habe!“
„Das sind aber Neuigkeiten.“
Alexandra fällt es schwer, zu verbergen, wie neidisch sie auf ihre Freundin ist.
„Ja, Tom ist großartig. Er ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.“
„Wisst ihr schon, wann ihr heiratet?“
„Tom möchte am zwölften September heiraten. Seine Großeltern haben dann ihr Hochzeitsjubiläum – 60 Jahre – stell dir vor! Und Tom möchte unsere Hochzeit mit ihrem Jubiläum verbinden. Er steht seinen Großeltern sehr nahe.“
„Das ist schon in zwei Monaten! Du wirst dich ranhalten müssen, um alles zu organisieren. Brauchst du Hilfe?“
Josie knabbert unruhig an ihrem Daumennagel, dann nickt sie.

Tom unterrichtet Mathematik an einer Mittelschule. Josie putzt dort am Abend. So haben sie sich kennengelernt, im hellen Flur, im letzten November. Sie gefiel ihm vom ersten Augenblick an, besonders ihr frecher, blonder Pferdeschwanz und ihre geheimnisvollen, dunklen Augen. Er lud sie ins Kino ein und in eine Pizzeria. Nach dem Essen blieben sie sitzen und tranken Wein, bis der Kellner sie bat zu gehen, weil Sperrstunde sei. Dann spazierten sie durch den ersten, frisch gefallenen Schnee, weil der Bus nicht mehr kam und es machte ihnen nichts aus. Sie zitterte vor Kälte und er hauchte in ihre Hände. Sie lachte und freute sich darüber wie ein kleines Mädchen. Er erzählte ihr fast alles über sich und sie ihm nur ganz wenig. Das war in Ordnung so.

Josie steigt in den Keller hinunter, den sie gar nicht mag. Die Wände sind feucht und es ist dunkel. Der Geruch von Autoreifen und Moder schlägt ihr entgegen. Die Abteile sind wie Käfige mit Metallgitter voneinander getrennt und mit Vorhängeschlössern gesichert. Man kann überall hineinsehen. Manche Kellerabteile sind aufgeräumt und alles ist ordentlich gestapelt. Manche sind sehr chaotisch oder quellen über. Ihr Abteil ist fast leer. Nur der kaputte Wäschetrockner steht drinnen und darauf ein verknitterter Karton, der mit einem Bindfaden zusammengehalten wird und der nur wertlosen Kram enthält: ein altes Sommerkleid mit Blümchenmuster, ein Fotoalbum, aus dem die meisten Fotos herausgerissen worden sind, ein paar Briefe, vertrocknete Blumen, ein gestricktes Babymützchen und ein vergilbtes Notizbuch. Sie nimmt das Notizbuch heraus und packt alles andere wieder sorgsam in die Schachtel. Gewissenhaft sperrt sie ihr Abteil ab und prüft noch einmal das Vorhängeschloss.

Es ist weit bis zur nächsten Telefonzelle. Seit jeder ein Mobiltelefon in der Tasche hat, gibt es nicht mehr viele Telefonzellen. Aber direkt neben dem Eingang der Post steht noch eine. Sie wirft Münzen ein und wählt eine Nummer nach der anderen aus ihrem altmodischen Notizbuch. Einige Anschlüsse existieren nicht mehr. Die Bekannten, die sie erreicht, sind überrascht, von ihr zu hören. Manche freuen sich und wollen sie zu einem Besuch einladen. Aber dafür hat sie keine Zeit. Vielleicht nach der Hochzeit.
Sie erhält nur zögerlich Auskunft. Von einem Freund erfährt sie schließlich, dass Darko nicht mehr im Gefängnis sei. Schon seit einiger Zeit sei er draußen. Aber wo er jetzt sei, wisse er auch nicht.
Josie hängt den Hörer auf und steht eine Weile regungslos da. Die Worte hallen in ihr nach. Sie steckt ihr Notizbuch in die Tasche und drückt die Tür auf. Es ist ein heißer, wolkenloser Augusttag. Die Leute auf der Straße tragen T-Shirts, Shorts und Sandalen. Eine Frau beugt sich über einen schreienden Säugling, der in einem dunkelblauen Kinderwagen liegt. Josie sieht die nackten, strampelnden Ärmchen und Beinchen und spürt einen feinen Stich in ihrem Unterbauch. Ihr fällt ein, dass sie sich beeilen muss. In einer Stunde wird Tom kommen und sie abholen. Sie wollen sich mit dem Makler treffen und noch eine Wohnung besichtigen. Dann würden sie sich entscheiden müssen.

Tom wohnt noch bei seinen Eltern, schläft aber meistens bei Josie. Ihre Wohnung ist klein: ein Wohnraum mit Küchenecke und ein Bad mit einer Toilette, insgesamt fünfundzwanzig Quadratmeter. Sie sitzen auf ihrem Bett und erstellen die Liste mit den Hochzeitsgästen. Josie zählt, wieviel sie schon aufgeschrieben haben: fünfunddreißig. Alles Verwandte, Kollegen und Freunde von Tom, bis auf Alexandra. Sie ist der einzige Gast, den Josie eingeladen hat. Tom hat am Nachmittag die Hochzeitskarten am Laptop entworfen und schickt sie per E-Mail an die Druckerei. In den nächsten Tagen wollen sie das Lokal aussuchen und mit dem Pfarrer sprechen. Es gibt Unstimmigkeiten, weil Tom katholisch und Josie orthodox ist. Aber natürlich werden sie katholisch heiraten.

Alexandra begleitet Josie, als sie ihr Hochzeitskleid aussucht. Weißer Satin mit Spitze, mit einem traumhaften Schleier. Es muss noch ein bisschen geändert werden und sie wird es in einer Woche holen können. Danach lassen sie sich in einem Straßencafé nieder und gönnen sich einen Latte Macchiato. Sie erzählt, dass Tom mit seinen Freunden das Wochenende in Hamburg verbringen wird. Es findet ein ganz wichtiges Fußballspiel statt, für das sie gerade noch Karten bekommen konnten. Und danach wollen sie ein bisschen Junggesellenabschied feiern. Alexandra fragt, ob sie sich nicht Sorgen mache – Tom mit seinen Freunden allein in Hamburg – da könne ja wer-weiß-was alles passieren. Josie zuckt mit den Schultern. Eigentlich ist sie froh, wenn er mal weg ist. Denn seit Tom Ferien hat, ist er ständig um sie herum.

Josie sitzt in einem blau-weißen Reisebus, der einen Anhänger nachzieht und in Richtung Belgrad unterwegs ist. Es ist Nacht und der Bus ist nur halb voll. Die meisten anderen Fahrgäste schlafen. Josie hätte auch gerne geschlafen, aber es will ihr nicht gelingen. Gedanken formen sich, Erinnerungen flammen auf und vertreiben den Schlaf wie das Licht die Dunkelheit. Sie lehnt ihren Kopf gegen die Scheibe, die hart und kalt gegen die Stirn drückt.
Der Bus hält auf einer Raststätte an. Die meisten Fahrgäste steigen aus, während der Fahrer den Bus auftankt. Manche suchen die Toilette auf, andere verschwinden im Shop, um Snacks und Getränke zu kaufen, und der Rest versammelt sich in kleinen Grüppchen neben den Bustüren. Sie rauchen und reden still miteinander, in ihrer Muttersprache. Es klingt ungewohnt in ihren Ohren; so vertraut und doch schon so weit weg. Seit sie die Grenze passiert haben, ist aus Josie wieder Josipa geworden. Sie hat nicht viel Gepäck dabei. Eigentlich nur eine Umhängetasche und einen kleinen Rollkoffer, der bei jeder Airline locker als Handgepäck durchgehen würde. Sie zieht sich die Kapuze über den Kopf und geht ein paar Schritte, nicht sehr weit, weil sie in der Nähe des Busses bleiben will. Es riecht nach Nikotin und Benzin. Das Land jagt ihr Angst ein. Es ist hier so viel passiert, dass sie ihm nicht mehr vertrauen kann.

„Bist du glücklich in Österreich?“, fragt Ivana und serviert ihr Kaffee und Kuchen. Das Wohnzimmer ist sehr sauber und gepflegt eingerichtet, die Wände in sanften Farben gestrichen und es beherbergt einen auffallend großen und teuren Fernseher.
„Ich denke schon“, sagt Josipa und betrachtet ihre Schwester. Sie ist überrascht, wie gut sie immer noch aussieht.
„Ich werde heiraten.“
„Wieder?“
„Ja. Diesmal richtig. Ich meine, diesmal ist es der Richtige. Und es wird ein richtiges Fest geben, mit Gästen und Musik und Torte und allem. Ja…“
Ivana verzieht kaum merklich den Mund.
„Nimm doch ein Stück Kuchen. Er ist selbst gebacken. Den hast du bestimmt schon lange nicht mehr gegessen.“
„Das stimmt“, nickt Josipa. Sie rührt den Kuchen nicht an. Stattdessen nippt sie an der Tasse mit Kaffee. Es will ihr nicht gelingen, sich zu entspannen. Zudem fühlt sie sich entsetzlich erschöpft von der langen Reise.
„Und Darko? Weiß er es schon?“
„Nein. Er weiß es noch nicht. Ich bin auf der Suche nach ihm. Weißt du, wir sind rein rechtlich gesehen, immer noch verheiratet. Auch wenn ich seit Jahren nichts mehr von ihm gehört habe.“
„Hast du ihn verlassen?“
„Nein. Es ging von ihm aus. Er brach den Kontakt ab, als sie ihn ins Gefängnis steckten.“
„Das dachte ich mir. Aber ich kann dir nicht helfen. Ich habe ihn seit jener Nacht nicht mehr gesehen.“
Mit jener Nacht meint sie ihre Hochzeitsnacht. Als sie die schönste und glücklichste Braut weit und breit war. Und als ihr Josipa alles verdorben hatte.
„Wie geht es Mama?“
„Wie immer. Sie hat viel zu tun mit ihren Enkeln. Sie hat jetzt fünf. Zwei von Goran, zwei von Dragica und eins von mir. Sie ist mächtig stolz auf ihre Enkel.“
„Wir möchten auch ein Kind haben. Tom und ich. Wenn wir verheiratet sind. Er wird ein guter Vater sein.“
Ivana schenkt Kaffee nach.
„Vater hat dir nicht verziehen. Ich glaube nicht, dass er dich sehen will.“
„Und du? Wirst du zu meiner Hochzeit kommen?“
„Ja. Vielleicht.“
„Und Mama?“
„Sie wird bei Vater bleiben. Du musst sie verstehen.“
„Und Goran? Und Dragica?“
Ivana seufzt gequält und zuckt mit den Schultern.
„Wenn du willst, kannst du bei uns bleiben. Die Kleine wird bei uns im Bett schlafen. Das Kinderzimmer wäre also frei.“
„Nein, ich habe mir bereits ein Hotelzimmer genommen. Ich will keine Umstände machen.“
„Die Leute werden reden, wenn du das tust.“
„Sie werden immer reden, egal was ich tue.“
„Und dir ist es egal. Du wirst wieder weg sein. Du musst nicht jeden Tag hier leben und ihre Blicke ertragen und ihr Gerede. Wir sind es, die bleiben und die alles ausbaden müssen. So wie beim letzten Mal.“
„Du bist doch auch weggezogen. Hierher nach Belgrad. Du hast es doch auch nicht mehr ausgehalten.“
„Wir sind weggezogen, weil Zlatko hier Arbeit gefunden hat und nicht weil wir abhauen mussten, weil mein Freund ein Mörder ist und ich ein Kind von ihm erwartete.“
Josipa muss los. Ganz plötzlich. Sie verabschiedet sich hastig, stürmt dann geradezu aus der Wohnung, läuft das Treppenhaus hinunter und anschließend quer durch die Stadt direkt zu ihrem Hotel. Sie ruft Tom an. Er ist ausgelaugt von Hamburg und er klingt verärgert. Eigentlich wollte sie noch vor ihm zurück sein, deshalb hat sie ihm nichts gesagt von ihrer Reise nach Serbien. Er fragt, was sie vorhabe. Sie sagt, sie habe noch nicht alle Papiere für die Hochzeit zusammen. Mehr will sie ihm nicht sagen. Es sagt, die Schneiderin habe angerufen, das Kleid sei fertig. Sie sagt, dass sie ihn liebe. Er legt auf.

Von oben auf dem felsigen Hügel mit der großen Kastanie übersieht man das ganze Dorf. Als Kind war sie oft hier gewesen mit ihren Geschwistern und ihren Freundinnen. Später dann mit ihm. Sie sucht das Haus ihrer Eltern. Es liegt etwas abseits, umgeben von einer ausgedehnten Wiese mit alten Zwetschkenbäumen. Sie kann sehen, dass es Veränderungen am Haus gegeben hat. Goran ist mit seiner Familie eingezogen und führt nun die Landwirtschaft. Er hat umgebaut und erweitert. Vieles ist noch nicht fertig. Sie folgt mit ihrem Blick den Straßenzügen bis zum anderen Ende des Dorfes. Das Haus, das sie sucht, sieht verlassen aus. Die Fenster sind zugenagelt und die Türen verbarrikadiert. Sie wusste, dass sie ihn hier nicht finden würde, dass er niemals mehr hierher zurück kehren können würde. Um ihre Eltern aufzusuchen, fehlt ihr der Mut. Deshalb fährt sie mit dem nächsten Bus zurück nach Belgrad und von dort nach Podgorica.

Es war ein schöner Tag gewesen, ein Tag im Mai, als Ivana heiratete. Das ganze Dorf nahm an der Hochzeit teil. Am Abend wurde ausgelassen unter den herrlich grünen Obstbäumen gefeiert. Ihr Vater trank mit den Männern Slibowitz. Der Bräutigam stahl sich während einer günstigen Gelegenheit mit seiner Braut davon. Die Männer tranken unterdessen weiter und als ihnen der Schnaps ausging, schickte der Vater Josipa los, um Nachschub zu holen. Josipa wollte ihm den Gefallen noch tun und dann zu Bett gehen. Sie fühlte sich den ganzen Tag schon nicht wohl. Während der Zeremonie in der Kirche war ihr so schlecht geworden, dass sie hinausgehen musste. Der Mond verbarg sich hinter einer kleinen Wolke, die aus dem Nichts aufgetaucht war. Als sie zur Scheune kam, erleichterte sich Vuk gerade an der Ecke, verborgen durch die Dunkelheit. Er war sturzbetrunken und versuchte, nach ihr zu haschen, aber er griff daneben. Erst erschrak sie, aber dann machte sie sich lustig über ihn und gab ihm einen Tritt, der ihn taumeln ließ. Er näherte sich ihr erneut, erzählte dabei schmutzige Anekdoten und prahlte damit, was für ein toller Hengst er sei. Sie lachte immer noch, aber er ging ihr auf die Nerven. Sie stieß ihn weg. Dabei stolperte er und zerrte sie mit sich zu Boden. Sie wurde wütend, weil er ihr Kleid zerrissen hatte und versuchte, sich unter ihm herauszukämpfen. Er hielt sie fest und presste ihre Brüste zusammen als wären es Zitronen. Sie schrie ihn an und spuckte ihm ins Gesicht. Daraufhin versetzte er ihr zwei schallende Ohrfeigen. Sie spürte Blut im Mund und im Zorn spuckte sie ihn nochmals an. Diesmal holte er mit der Faust aus.

Sie findet Darko in jenem Bergdorf aus dem seine Mutter stammt und wo noch immer seine Großeltern und ein Teil seiner Verwandten leben. Er bewohnt einen alten Bauwagen, der auf einer kleinen Anhöhe abgestellt ist. Die ursprüngliche Farbe war orange gewesen. Jetzt ist er größtenteils schwarz. Drei Räder sind verloren gegangen. Beim vierten schält sich der Gummireifen herunter und liegt da wie die alte Haut einer Schlange. Gras und junge Bäume wachsen in seinem Schutz und spenden dafür bereitwillig Schatten.

Er ist nicht überrascht, als er sie auftauchen sieht. Er wusste, dass sie irgendwann einmal kommen würde, dass sie kommen musste. Er bietet ihr einen der verwitterten Plastikgartenstühle an und macht Kaffee. Der Wind weht und rauscht in den Blättern der Bäume. Die offenstehende Tür seiner Behausung schwingt ächzend vor und zurück. Hühner scharren und gackern. Im Gras zirpen Grillen und das Geblök von Ziegen dringt vom Dorf herauf. Sonst ist es still.
Sie probiert den Kaffee, den er gemacht hat und gießt ihn dann ungeniert auf die ausgedörrte Erde.
„Dein Kaffee war auch schon mal besser.“
Er nickt. Er ist ihr nicht böse deswegen. Er ist ihr niemals böse gewesen.
„Ich habe die Papiere mitgebracht. Ich habe einen Anwalt gefunden in Podgorica, der alles für uns erledigt. Wir sollten es hinter uns bringen. Am besten gleich.“
„Du meinst damit die Scheidung.“
„Ja.“
„Und du bist nur deswegen gekommen?“
„Ja.“
Er mustert sie. Er ist sich nicht sicher, ob ihm die blonden Haare gefallen. Als Kind waren sie noch dunkelbraun und zu dicken Zöpfen geflochten, die ihr bis zu den Hüften reichten.
„Ist er es wert?“
„Ja.“
Der Wind frischt auf und bürstet den Hühnern die Federn gegen den Strich. In der Ferne kräht zum dritten Mal ein Hahn. Er schüttet seinen Kaffee auch weg und räumt die Tassen ab. Der eben noch strahlend blaue Himmel verliert zusehends an Farbe und wird grau und hart wie Stahl.

Das Gewitter prasselt aus unsichtbaren Wolken, als sie über die hell leuchtende Millennium-Brücke fahren. Sie sitzen in einem rostigen Lada, der älter ist als sie selbst. Der gebaut wurde, als die Stadt noch lange Titograd hieß. Und der jener Frau gehört, mit der Darko die letzte Nacht verbracht hat und in deren Mund er gekommen war. Die Fenster haben sie eine Handbreit heruntergedreht, weil die Scheiben immerzu beschlagen. Er begleitet sie ins Hotel und sie checkt ein. Es gibt genug Einzelzimmer. Sie müssen sich kein Doppelzimmer teilen, und irgendwie ist sie darüber enttäuscht. Aber er will ohnehin nicht im Hotel übernachten. Er sagt, dass er einen Freund habe, bei dem er jederzeit schlafen könne. Sie weiß, dass er die Nacht im Auto verbringen wird.

Sie ruft Tom an. Er klingt traurig und müde. Sie sagt sie sei in Podgorica. Er kennt die Stadt nicht, hat keine Ahnung, dass es die Hauptstadt von Montenegro ist. Er berichtet ihr, dass er ihre Wohnung geräumt habe, da sie den Termin für ihren Auszug verpasst habe. Für den Keller habe er keinen Schlüssel gefunden, deshalb hätte der Hausmeister das Schloss aufsägen müssen. Den Trockner habe er entsorgen lassen. Sie wagt ihn nicht zu fragen, was er mit dem Karton gemacht hat. Er wünscht sich, dass sie nun endlich zu ihm nach Hause komme. Dieses Nachhause klingt auf einmal fremd für sie und sie weiß nicht, was sie sagen soll. Er sagt, dass er sie liebe, dann legen sie auf.

An der Wand hängt eine Uhr. Sie tickt und läuft im Kreis. Der kleine Zeiger steht auf der Sechs, weil er locker ist und herunterhängt wie ein Lot. Josipa öffnet das Fenster und setzt sich aufs Fensterbrett. Der Parkplatz des Hotels, auf dem der Lada abgestellt ist, befindet sich am Ende der Sackgasse und ist mit einer hohen Mauer umgeben.

Morgen wird alles vorbei sein. Der Anwalt teilte ihr am Nachmittag mit, dass er kurzfristig einen Termin bei Gericht ausmachen konnte. Sie wird sich scheiden lassen und mit dem nächsten Flieger zurückfliegen. In zwei Wochen wird sie wieder heiraten. Alles ist geregelt.

Er hatte einen Zaunpfahl genommen und ohne lange zu überlegen, zugeschlagen. Als Vuk auf ihr lag und er sah, wie er auf sie eindrosch. Er hatte so fest zugeschlagen, wie er konnte, weil er wusste, dass er nur einmal zuschlagen konnte. Gegen Vuk hätte er keine Chance gehabt. Dass der Kopf es nicht aushielt, hatte ihn überrascht. Für ihn war es ein Unfall gewesen.
Die Leute hatten es anders gesehen. Für sie war es kaltblütiger Mord gewesen - aus Eifersucht. Sie sagten, dass Vuk ja gar nicht in der Lage gewesen wäre, ihr etwas anzutun. Er wäre viel zu betrunken gewesen. Das behauptete vor allem Josipas Vater. Zu Josipa sagten sie, dass sie sich nicht so anstellen brauchen hätte. Was wäre schon dabei gewesen? Vuk war nicht irgendjemand gewesen. Vuk hatte unerschrocken und tapfer gekämpft, damals im Bosnienkrieg. Er hatte die Heimat und den Glauben bis aufs Blut verteidigt. Er hatte sich aufgeopfert und wäre fast dafür gestorben. Vuk war ein Held, ein Kriegsheld. So beteten es die Männer stets herunter und es war alles, was zählte.

Der Regen hat aufgehört und der aufgeheizte Asphalt schwitzt die Feuchtigkeit aus. Sie setzt sich zu ihm in den Lada. Die Erinnerung klebt an ihnen. Sie steckt unter ihrer Haut, eingeritzt mit blutroter Tinte.

„Du warst eine schöne Braut damals.“
„Nein. Ich hatte nicht einmal ein richtiges Brautkleid. Nur ein geblümtes Sommerkleid. Und außerdem war ich dick und schwanger.“
Die Scheiben beschlagen wieder. Er kurbelt das Fenster hinunter und zündet sich eine Zigarette an.
„Es tut mir leid, was passiert ist.“
Sie weiß, dass er nicht an Vuk, sondern an das Kind denkt, das viel zu früh kam. An den kleinen Jungen, den Winzling, den er Milan nannte und der ganz dünn war, und faltige, violette Haut hatte. Anfangs als ihm Josipa gesagt hatte, dass sie von ihm ein Kind erwarten würde, hatte er sich betrogen gefühlt. Betrogen um sein Leben und um eine Vielzahl von Möglichkeiten. Er hatte das Kind nicht haben wollen. Das war eine Woche vor Ivana’s Hochzeit gewesen.

Das Kind blieb nur für wenige Augenblicke bei ihnen, in jenem Krankenhaus in Podgorica. Es sah zufrieden aus, als es sie wieder verließ und in Darkos Armen starb. Aber das war kein Trost. Darko weinte und er fühlte sich erneut betrogen.

Nachdem sie ihren kleinen Sohn begraben hatten, verließen sie das Land, weil es keine Zukunft für sie gab. Und weil sie glaubten, alles verloren zu haben, auch sich selbst. Jetzt merken sie, dass sie sich getäuscht hatten. Dass es nirgends eine Zukunft für sie geben wird, weil die Vergangenheit sie nicht los lässt. Weil sie in ihr gefangen bleiben, in einer endlosen Zeitschleife, die sie immer wieder zu den Toten zurückführt.

2015-11-13